Germanische Neue Medizin: Wie eine pseudomedizinische Lehre Krebskranke gefährdet

Die „Germanische Neue Medizin“ führt Krankheiten auf seelische Konflikte zurück und deutet selbst eine Verschlechterung des Gesundheitszustands als Teil der Heilung. Kritiker sehen darin ein geschlossenes Glaubenssystem, das Menschen von evidenzbasierter medizinischer Behandlung abhalten kann.

Begründet wurde die Lehre von dem ehemaligen Arzt Ryke Geerd Hamer. Nach dem Tod seines Sohnes Dirk und einer eigenen Hodenkrebserkrankung entwickelte Hamer die Vorstellung, Krebs entstehe durch einen schweren psychischen „Konflikterlebnisschock“. 1981 machte er seine Theorien zunächst unter dem Namen „Neue Medizin“ öffentlich.

Nach Hamers Ansicht geht jede Krankheit auf einen sogenannten biologischen Konflikt zurück. Wird dieser Konflikt gelöst, beginnt demnach eine Heilungsphase. Symptome wie Schwellungen, Fieber, Schmerzen oder wachsende Tumore können in dieser Logik als Zeichen der Genesung gelten.

Das führt zu einem System, das sich kaum widerlegen lässt: Geht es einem Patienten besser, gilt die Lehre als bestätigt. Verschlechtert sich sein Zustand, wird dies als Teil des Heilungsprozesses interpretiert. Stirbt ein Mensch, kann das innerhalb des Weltbilds ebenfalls erklärt werden – etwa mit einem angeblich ungelösten Konflikt oder mit einem zusätzlichen Schock durch die sogenannte Schulmedizin.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist der Fall Olivia Pilhar. Bei dem damals sechsjährigen Mädchen wurde 1995 ein Nierentumor festgestellt. Die Eltern vertrauten auf Hamer und stimmten zunächst nicht zügig einer evidenzbasierten Behandlung zu. Das Sorgerecht wurde ihnen gerichtlich entzogen, die Familie floh mit dem Kind nach Spanien. Der Tumor wuchs auf etwa vier Kilogramm an.

Schließlich griffen spanische und österreichische Behörden und Gerichte ein. Olivia erhielt eine medizinische Behandlung und überlebte. Ihre Eltern wurden in Österreich zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Gegen Hamer erging ein Haftbefehl, dem er sich in Spanien entzog. Helmut Pilhar, Olivias Vater, verbreitete die Lehre bis zu seinem Tod im Jahr 2022 weiter.

Nach Angaben des Beitrags gibt es zudem Dutzende Berichte über Menschen, die nach einer Behandlung schwerer Erkrankungen im Umfeld der Germanischen Neuen Medizin gestorben sein sollen.

Auch die Justiz beschäftigte sich mehrfach mit Hamer. 1986 wurde ihm die Approbation entzogen. Ein Gericht bescheinigte ihm eine „wahnähnliche Gewissheit“, seine Erkenntnisse seien unantastbar. 1997 verurteilte ihn das Amtsgericht Köln zu 19 Monaten Haft, weil er drei todkranke Krebspatienten ohne Zulassung behandelt hatte. Weitere Verfahren folgten in Frankreich. Hamer lebte später in Spanien und Norwegen und starb am 2. Juli 2017 im Alter von 82 Jahren.

Ab etwa 2002 bezeichnete Hamer seine Lehre als „Germanische“ Neue Medizin. Zugleich verband er sie mit antisemitischen Vorstellungen. Er behauptete unter anderem, die evidenzbasierte Medizin sei jüdisch geprägt und Juden würden seine Methoden verdeckt anwenden, während andere Menschen mit Chemotherapie und Morphium ausgelöscht würden.

Die Lehre kann für Anhänger eine scheinbare Erklärung und Kontrolle über schwere Erkrankungen vermitteln. Ihre Konsequenz ist jedoch, dass die Verantwortung für den Krankheitsverlauf bei den Betroffenen selbst landet: Wer nicht gesund wird, habe seinen Konflikt nicht gelöst. Damit wird die Schuld demjenigen zugeschrieben, der ohnehin bereits leidet.


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