Precht warnt vor möglichem Ende der liberalen Demokratie in 20 Jahren

Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht warnt vor einem möglichen Ende der liberalen Demokratie in Deutschland. In einem Interview im RONZHEIMER-Podcast mit Paul Ronzheimer sagte er, er glaube, dass Deutschland in 20 Jahren keine liberale Demokratie mehr sein könnte.

Als einen möglichen Grund nennt Precht eine rückläufige Wohlstandsentwicklung. Wenn eine liberale Demokratie keinen Wohlstand mehr produziere, könne die Zustimmung der Mehrheit schwinden. Viele Menschen würden dann seiner Einschätzung nach möglicherweise lieber in einer „Wohlfühl-Diktatur“ leben als in einer armen Demokratie.

Precht kritisiert zugleich ein aus seiner Sicht verkrustetes Verständnis der liberalen Demokratie. Sie werde häufig so betrachtet, als könne es nur eine bestimmte Form geben, die sich nicht an die veränderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts anpassen dürfe.

Besonders deutlich äußert sich der Philosoph zur Rentenreform und zur Debatte über die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63. Die Reform sei „Schönheitschirurgie am krebskranken Patienten“, sagte Precht. Er hält das Rentensystem für dysfunktional und fordert eine grundlegendere Auseinandersetzung mit der Frage, wie es künftig finanziert werden könne.

Hintergrund seiner Überlegungen ist auch die erwartete Entwicklung durch Künstliche Intelligenz. Precht sieht eine KI-Welle auf den deutschen Arbeitsmarkt zukommen und warnt, dass Millionen Arbeitsplätze bedroht sein könnten. Deshalb müsse darüber nachgedacht werden, wie Maschinen künftig zur Finanzierung des Rentensystems beitragen könnten.

Deutschland sei jedoch nicht bereit für radikale Reformen, meint Precht. Wer Veränderungen anstoße, müsse mit massiver Empörung rechnen und könne medial stark unter Druck geraten. Das führe dazu, dass Politiker besonders angepasst agierten.

Im Zusammenhang mit der Künstlichen Intelligenz zieht Precht einen historischen Vergleich. Deutschland verhalte sich inzwischen „ähnlich wie die DDR in den 80ern“, sagte er. In der DDR seien im Endstadium viele Menschen unproduktiv beschäftigt worden, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden.

Eine ähnliche Entwicklung sieht Precht nach eigenen Angaben in Deutschland. Allein in den kommunalen Verwaltungen arbeiteten mehr als zwei Millionen Menschen. Tätigkeiten dort könnten bereits heute oder in den kommenden Jahren teilweise von Künstlicher Intelligenz übernommen werden. Gewerkschaften würden seiner Einschätzung nach dennoch dafür sorgen, dass dort auch künftig sehr viele Menschen beschäftigt blieben.

Die Angst vor den möglichen Folgen für den Arbeitsmarkt halte Deutschland davon ab, den technologischen Wandel entschlossener anzugehen, so Precht.


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