Golfstrom-Kollaps: Messdaten liefern bislang keine Hinweise auf eine akute Abschwächung

Ein vollständiger Kollaps des Golfstrom-Systems gilt nach den im Beitrag dargestellten wissenschaftlichen Einschätzungen nicht als belegt. Direkte Messungen zeigen bislang keinen Trend zu einer Abschwächung der Atlantischen Umwälz-Zirkulation, kurz AMOC.

Die AMOC transportiert warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko in den hohen Norden und trägt damit zum milden Klima in Europa bei. Ein Zusammenbruch könnte die Meeresströmungen im Nordatlantik stark verändern und eine deutliche Abkühlung in Europa auslösen. Dieses Szenario wurde durch den Kinofilm „The Day After Tomorrow“ zusätzlich im öffentlichen Gedächtnis verankert.

Als mögliche Ursache für eine Störung der Zirkulation gilt das Schmelzwasser des Grönlandeises. Große Mengen Süßwasser könnten die Strömungen im Nordatlantik beeinflussen. Spuren früherer Schmelzwasserfluten wurden laut dem Beitrag in Form von Eisbergschutt am Meeresboden gefunden.

Der Ozeanforscher Wallace Broecker warnte bereits 1987 vor möglichen Folgen einer globalen Erwärmung für die nordatlantischen Strömungen. Die Theorie eines bevorstehenden Kollapses war jedoch nie wissenschaftlich gefestigt. Die Sachstandsberichte des UN-Klimarats stuften das Szenario seit 1990 als spekulativ ein.

In den vergangenen Jahrzehnten sorgten dennoch wiederholt alarmistische Berichte über eine bevorstehende Eiszeit oder einen bereits eingesetzten Kollaps für Aufmerksamkeit. Eine 2004 veröffentlichte Studie, nach der die Nordatlantikströme bereits zusammenbrechen könnten, erwies sich später als falsch.

Der Beitrag verweist zugleich auf eine nüchternere Einschätzung in den Berichten des UN-Klimarats. Demnach ist unklar, ob sich das Strömungssystem bereits abgeschwächt hat und wie es sich künftig entwickeln wird. Auch neue Daten hätten dazu geführt, dass sich Teile der Fachwelt vom Kollaps-Szenario abwenden.

Die Ozeanforscherin Susan Lozier von der Georgia Tech University erklärte, das bisherige Verständnis der Meeresströmungen habe auf teilweise „naiven Annahmen“ beruht. Eine Studie, die ein physikbasiertes Frühwarnsignal für einen möglichen Kipppunkt der AMOC beschrieben hatte, stieß deshalb auch auf Widerspruch schwedischer Meeresforscher.

Die Strömungen werden unter anderem anhand von Sedimenten am Meeresboden untersucht. Seit 2004 messen Bojen den Golfstrom kontinuierlich entlang des 26. Breitengrades. Die bislang vorliegenden Messdaten zeigen laut dem Beitrag keinen Trend.

Der Klimaforscher Jochem Marotzke, Initiator der Messreihe und heute Co-Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, sieht derzeit keine plausiblen Anzeichen für einen Kollaps. Einzelne indirekte Indikatoren deuteten zwar auf eine Abschwächung hin, direkte Strömungsmessungen bestätigten dies jedoch nicht. Episodische Messungen der AMOC zeigten seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine stabile Zirkulation.

Für das 21. Jahrhundert rechnen die Forschenden demnach mit einer Abschwächung der AMOC. Wie schnell, wie stark und wie dauerhaft sie ausfallen könnte, sei jedoch weiterhin unklar. Auch eine Abkühlung Europas lasse sich nicht sicher ableiten, weil die zunehmende globale Erwärmung mögliche Effekte einer schwächeren Zirkulation ausgleichen könnte.


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