Schlechter Sex ist nach Einschätzung der Sexologin Ann-Marlene Henning häufig nicht das größte Problem in einer Beziehung. Oft fehle es Paaren an Nähe, Austausch und dem Mut, über Wünsche oder Schwierigkeiten zu sprechen.
Henning berät seit mehr als 30 Jahren Menschen in Fragen der Sexualität. In ihrem neuen Buch beantwortet sie 101 Fragen rund um Sex und den eigenen Körper. Viele dieser Fragen wirken zunächst banal. Dazu gehören etwa die Themen vorzeitiger Samenerguss, mögliche Tabus beim Sex oder die Bedeutung einer Intimrasur.
Hinter solchen Fragen stecke jedoch oft die Unsicherheit, ob man selbst normal sei, erklärt die Sexologin. Viele Menschen trauten sich nicht, offen über ihre Sexualität zu sprechen, weil sie befürchteten, dadurch aufzufallen oder sich zu entblößen. Diese Unsicherheit könne bereits in der Pubertät entstehen und auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben.
Als ein zentrales Hindernis nennt Henning Scham. Wer früh gelernt habe, dass es schmerzhaft oder unangenehm sein könne, sich zu zeigen und eigene Wünsche zu äußern, sage später möglicherweise lieber gar nichts. Sie empfiehlt deshalb, schwierige Themen in kleinen Schritten anzusprechen – möglichst dann, wenn die Stimmung in der Beziehung gut ist.
Ehrlichkeit sei besonders wichtig, wenn es um Schmerzen oder persönliche Grenzen gehe. Auch unangenehme Themen, die den Partner oder die Partnerin betreffen, sollten nicht dauerhaft übergangen werden. Gleichzeitig müsse nicht jeder Gedanke über das eigene Intimleben geteilt werden. Für Paare komme es darauf an, ehrlich zu sein, ohne den anderen unnötig zu verletzen.
Das gelte auch für Gespräche über das Aussehen. Der Körper verändere sich mit dem Alter, und manche Menschen nähmen in einer Beziehung an Gewicht zu. Nach Hennings Einschätzung sei für die Anziehung jedoch auch die emotionale Verbindung entscheidend.
In einer Sexualberatung sprechen Paare laut Henning unter anderem über Erektionsverlust, Schmerzen beim Sex, Orgasmusprobleme oder fehlende Lust. Andere suchen Unterstützung bei Untreue oder dem Gefühl, sich auseinandergelebt zu haben. Manche kämen auch vorbeugend, um neue Impulse zu bekommen oder über ihre Beziehung zu sprechen, bevor größere Probleme entstehen.
Obwohl sich der gesellschaftliche Umgang mit Sexualität in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe, seien die grundlegenden Fragen weitgehend gleich geblieben. Gleichzeitig stünden Menschen heute nach Hennings Einschätzung unter größerem Druck. Besonders bei über 50-Jährigen könnten familiäre, gesundheitliche und berufliche Belastungen sowie hormonelle Veränderungen die Sexualität beeinflussen. Viele Unsicherheiten rund um Sex seien letztlich ganz normal.

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