Mutmaßlicher chinesischer Spionagesatellit nähert sich von der Bundeswehr genutztem Satelliten

Ein chinesischer Satellit hat sich nach Recherchen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ einem westlichen Kommunikationssatelliten deutlich angenähert. Der Satellit des britischen Unternehmens Inmarsat wird auch von der Bundeswehr genutzt. Westliche Militärs vermuten, dass der chinesische Satellit für Spionagezwecke eingesetzt werden könnte.

Die Vorgänge spielen sich in rund 36.000 Kilometern Entfernung von der Erde ab. Nach den Recherchen soll der chinesische Satellit den Inmarsat-Satelliten seit einigen Monaten verfolgen. In Sicherheitskreisen wird befürchtet, dass dabei vertrauliche Kommunikation ausgespäht werden könnte.

Inmarsat gehört seit 2023 zum US-Unternehmen Viasat und betreibt mehr als ein Dutzend Satelliten. Die meisten davon befinden sich in geostationären Umlaufbahnen und bewegen sich ungefähr auf Höhe des Äquators synchron mit der Erdrotation. Die Satelliten werden von verschiedenen Kunden für weltweite Kommunikation genutzt. Neben der Bundeswehr gehört auch die Ukraine zu den Nutzern.

Die Bundeswehr verfügt selbst bislang nur über eine einstellige Zahl eigener Satelliten. Für den notwendigen Datenverkehr arbeitet sie deshalb auch mit privaten Satellitenbetreibern zusammen.

Kunden von Inmarsat sollen nach Informationen von WDR, NDR und SZ vor wenigen Tagen empfohlen worden sein, die Frequenzen ihrer Kommunikation zu ändern. Damit sollte ein möglicher Lauschangriff erschwert werden. Experten äußerten jedoch Zweifel, dass sich eine Ausspähung dadurch verhindern lässt. Der chinesische Satellit könne in seiner derzeitigen Position vermutlich umfangreich Frequenzen empfangen.

Der Mutterkonzern Viasat äußerte sich bislang nicht auf eine Anfrage. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums erklärte, man äußere sich aus Gründen der militärischen Sicherheit grundsätzlich nicht zu möglichen oder konkreten Beobachtungen beziehungsweise Bedrohungen der eigenen oder verbündeter Weltrauminfrastruktur. Das Weltraumkommando der Bundeswehr überwache die Lage im All fortlaufend.

Die Annäherung wurde unterdessen vom französischen Raumfahrtunternehmen Aldoria bestätigt. Das Unternehmen ist auf die Überwachung des Weltraums und die Beobachtung von Satelliten spezialisiert und arbeitet unter anderem mit der französischen Raumfahrtagentur sowie dem Weltraumkommando des französischen Militärs zusammen.

Nach Daten von Aldoria kam der chinesische Satellit TJS-20 dem Inmarsat-Satelliten zeitweise bis auf etwa 100 Kilometer nahe. Eine solche Entfernung gilt im Weltraum als ungewöhnlich gering. Nach Angaben von Aldoria-Mitarbeiter Norbert Pouzin deutet eine derartige Annäherung auf ein Interesse an dem jeweils anderen Satelliten hin.

Pouzin zufolge hat sich TJS-20 bislang keinem anderen Satelliten eines NATO-Staates auf vergleichbare Weise genähert. Das Manöver zeige sowohl die gewachsenen Fähigkeiten Chinas im Weltraum als auch die zunehmende Bedrohung kommerzieller Satellitendienste, erklärte er.

TJS-20 wurde im Oktober 2025 ins All gebracht. Die Abkürzung TJS steht für „Tongxin Jishu Shiyan“, chinesisch für „Kommunikationstechnik-Test“. Offiziell dienen die Satelliten des geheimen staatlichen Programms der Volksrepublik China Tests zur Datenübertragung. Fachleute und westliche Geheimdienste gehen hingegen davon aus, dass sie auch zur Spionage eingesetzt werden können.

Die chinesische Botschaft in Berlin hat auf eine Anfrage bislang nicht reagiert. Auch das Verteidigungsministerium äußerte sich nicht konkret zu dem Vorgang.

Bei möglichen Ausspähmissionen können laut Sicherheitskreisen unter anderem genutzte Frequenzen, Zeitpunkte der Kommunikation sowie Verbindungen zwischen Satelliten und Bodenstationen erfasst werden. Die meisten sensiblen Inhalte der Kommunikation über private Satelliten sollen zwar verschlüsselt sein. Erkenntnisse über Frequenzen und beteiligte Bodenstationen könnten im Konfliktfall dennoch von Bedeutung sein.


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