Junge Menschen geraten nach Recherchen des team.recherche vom SWR zunehmend in den Blick von Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen. Die Organisationen nutzen demnach soziale Medien, um Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen, die sich durch Krisen belastet fühlen oder nach Sinn, Halt und Gemeinschaft suchen.
Ein Beispiel ist Shincheonji. Sandra Pfander berichtet, wie sie im Alter von 19 Jahren während der Corona-Pandemie auf die Gruppierung aufmerksam wurde. Sie habe sich eingesperrt gefühlt und ein stärkeres Interesse an der Bibel entwickelt. In christlichen Instagram-Chatgruppen suchte sie nach Austausch und lernte dort nach eigener Aussage eine vermeintliche Freundin kennen.
Diese habe sie zu einem Bibelkurs eingeladen. Über solche Kurse sei sie offenbar schrittweise an die Lehre von Shincheonji herangeführt worden, ohne dass der Name der Gruppe zunächst offen genannt worden sei.
Dem team.recherche des SWR wurden nach eigenen Angaben interne Unterlagen von Shincheonji zugespielt. Darunter befinden sich Videos, in denen Anhänger offenbar darin geschult werden, über soziale Medien gezielt Kontakte zu knüpfen und Menschen in Bibelkurse zu führen.
Oliver Koch, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche, bewertet diese Form der Ansprache kritisch. Gerade junge Menschen, die auf der Suche seien, würden dabei hoch ideologisiert, ohne zu Beginn zu wissen, worauf sie sich einließen. Shincheonji Frankfurt ließ konkrete Fragen zu den Vorwürfen unbeantwortet.
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap im Auftrag des team.recherche zeigt, dass sich junge Menschen derzeit besonders stark durch Krisen belastet fühlen. 69 Prozent der Befragten zwischen 18 und 34 Jahren gaben an, sich wegen Krisen wie wirtschaftlicher Unsicherheiten oder Kriegen stark oder sehr stark belastet zu fühlen. Über alle Altersgruppen hinweg lag dieser Anteil bei 58 Prozent.
Rund jeder Dritte in der jungen Altersgruppe erklärte außerdem, stärker als noch vor einigen Jahren auf der Suche nach Sinn, Halt oder Gemeinschaft zu sein. Die Soziologie-Professorin Claudia Neu führt die Belastung auch auf die Folgen der Corona-Pandemie und die anhaltenden Krisen zurück. Einsamkeit sowie das Gefühl, mit den eigenen Sorgen nicht ernst genommen zu werden, seien bei jungen Menschen stärker ausgeprägt als bei anderen Altersgruppen.
Neu warnt deshalb vor neuen Möglichkeiten für Sekten, junge Menschen über soziale Medien direkt zu erreichen. Sie spricht von „goldenen Zeiten für Sekten“. Die Plattformen ermöglichten es den Gruppierungen, „direkt ins Kinderzimmer hineinzufunken, und das 24/7“.
Auch Scientology Stuttgart nutzt soziale Medien zur Ansprache. Die Organisation betreibt seit 2024 einen TikTok-Account. In den Videos treten junge Hosts auf und sprechen Themen wie Krieg, Motivationslosigkeit und Selbstzweifel an. Zugleich wird zu kostenlosen Coachings und Workshops bei Scientology in Stuttgart eingeladen.
Scientology Deutschland teilte schriftlich mit, es gebe keine organisatorische Strategie, psychisch vulnerable junge Menschen anzuwerben. Daniel Perband vom Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg äußerte dennoch Sorgen über die Social-Media-Strategien von Scientology. Er befürchtet, dass dadurch neue Mitglieder gewonnen werden könnten.
Das Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg stuft die Scientology-Organisation in der Hansestadt weiterhin als „gesicherte Extremisten“ ein und beobachtet sie. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Beobachtung von Scientology als eigenständigen Phänomenbereich vor einigen Monaten eingestellt. Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung würden jedoch weiterhin bearbeitet.
Nach einer Umfrage des team.recherche berichtet knapp die Hälfte der Beratungsstellen, Jugendliche und junge Erwachsene seien in den vergangenen fünf Jahren stärker in den Fokus von Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen geraten. Die Ansprache erfolge häufig über soziale Medien.
Als einen Grund nennt Oliver Koch die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft. Dadurch sinke gerade bei jungen Menschen die Fähigkeit, weltanschauliche und religiöse Angebote einzuordnen. Zugleich gebe es einen wachsenden „Markt der unterschiedlichen Sinnanbieter“.
Beratungsangebote gibt es in Deutschland vor allem bei den Kirchen. Bundesweit stehen nach den Recherchen mehr als 30 Ansprechpartner zur Verfügung. Staatlich finanzierte Beratungsstellen existieren nur in sechs Bundesländern. Zwei davon verfügen über weniger als eine volle Stelle.
Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend verweist auf ein umfassendes System an Unterstützungs- und Beratungsleistungen sowie auf Informations- und Aufklärungsarbeit des Bundes. Die Finanzierung der Sektenberatung sei Sache der Länder.
Misbah Khan, stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, fordert dagegen mehr staatliche Unterstützung. Sie verlangt ein grundsätzliches gesellschaftliches Lagebild zu Sekten und sektenähnlichen Gruppierungen sowie eine Finanzierung von Präventionsmaßnahmen durch die Bundesregierung.

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