Das Penicillin-Werk von Sandoz im österreichischen Kundl steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Anlage ist die letzte vollständig integrierte Produktionsstätte Europas und stellt Penicillin vom Rohstoff bis zum fertigen Medikament her. Gegen die deutlich niedrigeren Kosten chinesischer Hersteller kann der Standort nach Angaben von Sandoz kaum bestehen.
Eine Schließung würde die Abhängigkeit Europas von China bei einem wichtigen Antibiotikum weiter verstärken. Standortleiterin Stephanie Jedner warnte, Europa wäre dann bei Penicillin „vollständig abhängig“ von China.
Die Bedeutung des Werks rückte besonders nach Engpässen im Jahr 2022 in den Mittelpunkt. Während einer Welle von Atemwegsinfektionen wurden die Vorräte an Amoxicillin knapp. Dabei handelt es sich um eine in Kundl hergestellte Penicillin-Variante.
Als Reaktion bewilligte die EU-Kommission im folgenden Jahr 28,3 Millionen Euro für den Ausbau der Fabrik. Die Produktionskapazität stieg dadurch um 20 Prozent. Insgesamt kostete die Erweiterung 200 Millionen Euro, davon kamen 50 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln.
Trotz der Investitionen sieht Sandoz die Produktion in Kundl wirtschaftlich unter Druck. Der Konzern hat die Europäische Kommission um eine Antidumping-Untersuchung gebeten. Sandoz wirft chinesischen Herstellern vor, Amoxicillin in Europa unter den Produktionskosten anzubieten und den Markt mit staatlich subventionierten Wirkstoffen zu überschwemmen.
Eine solche Untersuchung könnte zu Strafzöllen auf chinesische Produkte führen. Wann sie beginnt, ist allerdings unklar. Die Europäische Kommission hat sich dazu nicht geäußert. China weist den Vorwurf des Protektionismus zurück und erklärt, wirtschaftliche Differenzen könnten durch Dialog gelöst werden.
China dominiert inzwischen die Herstellung pharmazeutischer Wirkstoffe für Penicillin und andere Antibiotika. Der Anteil Chinas an den EU-Importen von Penicillin und seinen Derivaten stieg laut Eurostat von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 86 Prozent im vergangenen Jahr. Gleichzeitig gingen die europäischen Exporte dieser Stoffe auf weniger als ein Fünftel ihres Höchststands aus den frühen 2000er-Jahren zurück.
Nach Angaben von Sandoz werden heute bis zu 90 Prozent der weltweiten antibiotischen Wirkstoffe außerhalb Europas produziert, vor allem in China und Indien. Als Gründe für den Kostenvorteil Chinas gelten unter anderem niedrigere Arbeitskosten, staatliche Subventionen und geringere Umweltauflagen.
Auch die hohen Energiekosten belasten den Standort in Kundl. Die Anlage mit mehr als 2000 Beschäftigten verbraucht laut Standortleiterin Jedner so viel Strom wie die nahegelegene Großstadt Innsbruck. Die industriellen Strompreise in der EU lagen 2025 laut Internationaler Energieagentur im Durchschnitt fast 50 Prozent über dem chinesischen Niveau.
Sandoz-Chef Richard Saynor fordert deshalb ein Umdenken bei der Preisgestaltung für lebenswichtige Medikamente. Regierungen sollten bei der Beschaffung nicht ausschließlich auf den niedrigsten Preis achten, sondern auch die Stabilität der Lieferketten berücksichtigen.

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