Im internationalen Verfahren „Operation Chargeback“ führen Spuren nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks zu einer Tochterfirma des Glücksspielkonzerns Merkur. Die Euro Payment Group (EPG) soll Kreditkartenzahlungen für Scheinfirmen und Betreiber von Fake-Websites abgewickelt haben.
Die Ermittlungen richten sich gegen internationale Betrugs- und Geldwäschenetzwerke. Zuständig sind das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz. Auch ehemalige Wirecard-Manager sind inzwischen angeklagt und sitzen in Untersuchungshaft.
Im Mittelpunkt des Verfahrens stehen der Missbrauch von Kreditkartendaten sowie illegale Zahlungsabwicklungen über nur zum Schein gegründete Firmen und Internetseiten. Zwischen 2016 und 2021 sollen die mutmaßlichen Täter auf diese Weise rund 300 Millionen Euro erbeutet haben.
Anfang November des vergangenen Jahres durchsuchten Ermittler 60 Objekte in neun Ländern, darunter Deutschland und die USA. Dabei wurden 18 Haftbefehle vollstreckt.
Die EPG gehört zum Merkur-Konzern und bietet laut eigener Internetseite Onlinezahlungen an. Über Wirecard war das Unternehmen nach den Recherchen des Bayerischen Rundfunks als sogenannter Payment Facilitator eingebunden. Damit fungierte die EPG als Verbindung zwischen der Wirecard-Bank und Online-Händlern, deren Kunden mit Kreditkarten bezahlten.
Interne Dokumente und vertrauliche Ermittlungsunterlagen zeigen demnach, dass die EPG Zahlungen für ein Netzwerk aus Scheinfirmen und Fake-Websites abwickelte. Die Angeklagten sollen Hunderte Scheinfirmen gegründet und mehr als 2.000 professionell gestaltete Internetseiten betrieben haben, vor allem im Bereich Pornografie.
Über diese Seiten, fingierte Online-Händler und missbrauchte Kreditkartendaten sollen rund 19 Millionen Abonnements abgeschlossen und Abbuchungen veranlasst worden sein. Führungskräfte von Zahlungsdienstleistern sollen dabei geholfen haben, die betrügerischen Umsätze zu erzeugen und abzuwickeln.
In einer internen Visa-Tabelle sind nach BR-Recherchen rund 30 Firmen als Händler aufgeführt, die bei der EPG registriert waren. Die Unternehmen waren überwiegend im britischen Consett gemeldet. Die Recherchen ordnen sie einem weiteren Firmennetzwerk zu, über das die Fake-Abonnements der Pornoseiten abgerechnet worden sein sollen.
Die Zahlungsempfänger waren demnach weitere Briefkastenfirmen, die meist in Zypern oder Großbritannien registriert waren und Konten bei der Wirecard Bank hatten. Die Ermittlungsbehörden rechnen diese Empfänger Ray Akhavan zu, der als enger Vertrauter des untergetauchten früheren Wirecard-Vorstands Jan Marsalek galt. Akhavan starb 2024 in Los Angeles an einer Überdosis Drogen.
Visa hatte sich 2016 und 2017 wegen hoher Rückbuchungsquoten bei EPG-Händlern wiederholt bei Wirecard beschwert. Das Kreditkartenunternehmen verhängte anschließend Strafzahlungen in Höhe von mehreren 100.000 Euro.
Ein Merkur-Sprecher bestätigte die Strafzahlungen und erklärte, EPG habe die daraus entstandenen Ausfälle getragen. Die von BR genannten Gesellschaften seien überwiegend Händler im EPG-Portfolio gewesen. Von einem betrügerischen Zweck der abgewickelten Zahlungen habe Merkur nach eigenen Angaben zu keinem Zeitpunkt Kenntnis gehabt. Das Kartenprocessing für Online-Händler sei im Frühjahr 2017 beendet worden.

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