Fritz ist 13 Jahre alt und lebt mit ADHS und Autismus. Sein Vater Daniel Böcking berichtet über den Alltag seines Sohnes, dessen Diagnosen sich teilweise überschneiden und deshalb nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind.
Seit vier Jahren wartet Fritz an jedem Arbeitstag am Bahnhof seines Dorfes in Brandenburg auf seinen Vater. Eines Tages hatte er dort ein Zelt aufgebaut und es sich neben den Gleisen gemütlich gemacht. Für ihn gehört ein stark ausgeprägter Bewegungsdrang zum Alltag.
Bei ausführlichen Untersuchungen stellte eine Kinderpsychiaterin Hinweise auf ADHS fest. Außerdem erhielt Fritz eine Autismus-Diagnose. Er selbst stellt sich mit Humor vor: „Hallo, ich bin Fritz. Ich hab ADHS, Autismus, Tic-Störung und Poltern.“ Danach ergänzt er: „Und 127 IQ.“ Fritz akzeptiert sich als Gesamtpaket.
Im Unterricht kann er nur schwer still sitzen. Wenn Lehrer sein Kippeln kritisieren, hört er nach eigener Aussage kurz damit auf – beginnt aber wenig später wieder. „Nicht zu kippeln nervt mehr“, sagt er. Sein Vater erklärt, dass das ADHS-Gehirn vereinfacht gesagt mehr Reize brauche, um in einen Zustand ausreichender Aufmerksamkeit zu kommen.
Während des Corona-Homeschoolings fiel der Familie erstmals auf, dass etwas anders sein könnte. Fritz verfolgte den Matheunterricht im Kopfstand. Auch einfache Doppelaufgaben wie das Einpacken der Brotdose und das Mitnehmen der Jacke waren für ihn schwierig. Häufig vergaß er eine der beiden Sachen, manchmal ließ er sogar den Schulranzen in der Schule oder vergaß seine Schuhe. Über solche Missgeschicke kann er laut seinem Vater selbst lachen.
Autismus zeigt sich bei Fritz unter anderem in ausgeprägten Spezialinteressen. So bastelte er 200 Ballontiere und brachte es seiner Klasse bei. Einen Tag später beschäftigte er sich mit dem Knacken von Schlössern oder baute wiederholt ein Wurfzelt auf und ab – auch am Bahnhof, während er auf seinen Vater wartete.
Vor fremden Menschen hat Fritz wenig Scheu. Er hielt eine Abschiedsrede in der Grundschule und wurde zum Klassensprecher gewählt. Er glaubt, dass ADHS ihn in dieser Hinsicht selbstbewusst mache, weil er keine Angst habe, andere anzusprechen.
Sein Vater betont zugleich, dass ADHS nicht immer einfach sei und es deutlich schwerere Ausprägungen mit erheblichen Folgen für den Alltag gebe. Die Diagnosen helfen der Familie jedoch, Fritz besser zu verstehen und in der Schule über Unterstützung zu sprechen, etwa über zusätzliche Zeit bei Prüfungen.
Fritz selbst sagt über sich: „Ich bin halt special.“ Auf die Frage, wie er über ein anderes Kind mit ADHS denken würde, antwortet er zunächst: „Cool!“ Kurz darauf wechselt seine Aufmerksamkeit zu seinen ineinander verknoteten Fingern. Die Form erinnert ihn an eine Blüte.

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