Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat über die Karriere ihres Urgroßvaters Alwin Reemtsma in der Waffen-SS gesprochen und vor der Gefahr eines neuen Faschismus gewarnt. In einem Instagram-Video schilderte die 30-Jährige, welche Informationen sie bei der Recherche zur Geschichte ihrer Familie gefunden habe.
Neubauer erklärte, sie habe die Daten ihrer Urgroßeltern in die „Nazi-Suchmaschine“ der „Zeit“ eingegeben. Dass Alwin Reemtsma der Waffen-SS angehört habe, sei öffentlich bekannt gewesen. Die Einzelheiten hätten sie dennoch getroffen.
Zu ihrem Urgroßvater gebe es mehr als 200 Treffer. Dokumente zeichneten seinen Aufstieg vom ausgebildeten Kaufmann über mehrere militärische Ränge bis zum Standartenführer nach. Dabei handele es sich um einen der höchsten Offiziersränge, sagte Neubauer.
Den Unterlagen zufolge wurde Reemtsma mindestens dreimal für seinen „tatkräftigen Einsatz“ ausgezeichnet. Zudem fänden sich Glückwünsche zum Geburtstag, die mit „kameradschaftlichen Grüßen“ und „Heil Hitler“ unterschrieben worden seien. Auch eine Bestätigung seiner „Arierprüfung“ sei dokumentiert. In einem handschriftlichen Brief habe Reemtsma seinen dringenden Wunsch geäußert, in die Waffen-SS versetzt zu werden.
Neubauers anderer Urgroßvater, Joachim von Hänisch, gehörte hingegen zu den Menschen, die von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet wurden.
In ihrem Video stellte Neubauer einen Bezug zur Gegenwart her. Ihre 93-jährige Großmutter frage sich jeden Tag, was sie ihrem Vater schuldig sei. Seit Jahrzehnten setze sie sich für Aufarbeitung und Reparationen, Frieden, Demokratie und Nachhaltigkeit ein. Zugleich verweise sie angesichts der aktuellen Umfragewerte auf die politische Entwicklung.
Das Video wurde kurz vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt veröffentlicht. In dem Bundesland könnte die AfD erstmals die Regierungsgeschäfte übernehmen. Hinter dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund steht laut dem vorliegenden Bericht ein rechtsextremes Netzwerk.
Neubauer rief dazu auf, nicht stumm zuzusehen, wenn Rechtsextreme historische Wahlsiege vorbereiteten. „Jetzt ist keine Zeit für Gleichgültigkeit“, sagte sie. Die Geschichte wiederhole sich nicht einfach, erklärte die Klimaaktivistin. Die Rechtsextremen von heute seien nicht die NSDAP von früher. Gerade deshalb werde die Zerstörungskraft des neuen Faschismus leicht unterschätzt.
Der SPIEGEL hat nach eigenen Angaben Hunderttausende Einträge aus SS-Akten mit Millionen Mitgliedskarten der NSDAP abgeglichen. In einer aktualisierten Kartei können Hinweise auf mögliche Mitgliedschaften in SS oder Waffen-SS recherchiert werden.