Tschechiens Präsident Petr Pavel warnt vor einer möglichen Eskalation zwischen Europa und Russland. Wenn Europa seine bisherige Vorgehensweise fortsetze, könne es schließlich zu einem offenen militärischen Konflikt kommen, sagte Pavel in einem Exklusiv-Interview.
Nach Einschätzung des tschechischen Präsidenten handelt es sich derzeit um einen hybriden Krieg. Russland versuche vor allem, Zwietracht in der Europäischen Union und der Nato zu säen, Misstrauen gegenüber Institutionen zu schüren und die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
Pavel forderte Europa zugleich auf, eine gemeinsame Position für Verhandlungen mit Moskau zu entwickeln. Zunächst brauche es eine interne Debatte darüber, welche Ziele Europa erreichen wolle. Anschließend könne eine Person oder eine Gruppe mit einem entsprechenden Mandat für Europa sprechen.
Die Europäer würden von den USA und Russland nicht ernst genommen, weil sie gespalten seien und Entscheidungen zu langsam träfen, sagte Pavel. Wenn sich das nicht schnell ändere, werde Europa nach seiner Einschätzung politisch irrelevant.
Für Verhandlungen mit Wladimir Putin müsse Europa aus Sicht des tschechischen Präsidenten auch einen Anreiz anbieten. Pavel nannte dabei die mögliche Wiederaufnahme von Wirtschaftsbeziehungen, Zusammenarbeit und Handel. Voraussetzung müsse ein Waffenstillstand in der Ukraine sein.
Pavel hält Putin nach eigenen Angaben für falsch informiert und paranoid. Der russische Präsident vertraue nicht vielen Menschen und habe eine „geradezu obsessive Angst davor, getötet zu werden“. Durch den begrenzten Kreis um ihn könnten Informationen erfolgreich gefiltert werden. Putin sei deshalb möglicherweise weiterhin davon überzeugt, dass der Krieg erfolgreich verlaufe.
Auch die russischen Ressourcen seien nach Einschätzung Pavels erschöpft. Er verwies auf eine schwierige soziale und wirtschaftliche Lage in Russland. Zudem sagte er, Russland verliere jeden Monat Zehntausende Soldaten. Allein im September habe es rund 50.000 getötete und verwundete Soldaten gegeben. Diese Verluste überstiegen das Tempo, mit dem Russland neue Soldaten rekrutieren könne.
Das Ziel des Kremls bestehe laut Pavel darin, das Leben in der Ukraine unerträglich zu machen und möglicherweise eine neue Flüchtlingsbewegung in europäische Länder auszulösen. Der Krieg könne bei gleichbleibendem Verlauf auf unbestimmte Zeit weitergehen, da keine der beiden Seiten gewinne.
Pavel kritisierte außerdem, dass europäische Länder Waffenlieferungen an die Ukraine zunächst verzögert hätten. Dazu zählten gepanzerte Fahrzeuge, Munition mit großer Reichweite, Raketen und Flugzeuge. Eine frühere Unterstützung in vergleichbarem Umfang hätte den Kriegsverlauf nach seiner Einschätzung deutlich verändern können.
Die Nato verfolge nach Pavels Darstellung keine offensiven Pläne gegen Russland. Er habe trotz seiner früheren höchsten Sicherheitsfreigabe innerhalb der Nato nie einen Plan gesehen, der auf eine Offensive gegen russisches Territorium abziele. Die Nato-Pläne seien defensiv.
Eine Waffenruhe sei nach Ansicht Pavels bereits näher gewesen. Das abgestimmte Vorgehen der USA und Europas gegen die russische Wirtschaft habe positive Ergebnisse gezeigt und Russland unter Druck gesetzt. Inzwischen habe Moskau jedoch eine Atempause erhalten, weshalb es schwieriger geworden sei, Russland zu einer Waffenruhe zu bewegen.

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