Die Ukraine steht nach Einschätzung des Militärexperten Markus Reisner angesichts russischer Luftangriffe und nachlassender Unterstützung durch die USA massiv unter Druck. Gleichzeitig sei die Möglichkeit eines Waffenstillstands derzeit so groß wie nie, sagte Reisner im Gespräch mit ntv.de.
In Kiew seien teilweise 600.000 Menschen ohne Strom gewesen. Luftangriffe hätten zudem Wasserversorgung und Kläranlagen getroffen. Funktionierende Heiz- oder Wärmekraftwerke gebe es in Teilen der Stadt nicht mehr. Der Winter habe noch nicht begonnen, betonte Reisner.
Als einen Grund für die schwierige Lage nennt der Oberst die aus seiner Sicht zu geringen Lieferungen von Flugabwehrraketen. Häufig erhalte die Ukraine nur zehn bis 15 Patriot-Raketen pro Lieferung und Monat. Diese seien meist bereits bis zur Monatsmitte verbraucht.
Zusätzliche Schwierigkeiten entstünden durch Einschränkungen beim Satellitensystem Starlink und bei der Weitergabe von Geheimdienstinformationen. Ein Ausfall von Starlink hätte nach Reisners Einschätzung katastrophale Folgen für die ukrainischen Streitkräfte und könnte zum Zusammenbruch der Front beitragen.
Das Verhältnis zwischen den USA und der Ukraine habe sich in den vergangenen Wochen und Monaten zunehmend verschlechtert. US-Präsident Donald Trump habe zuletzt erklärt, warum er Russland unterstütze und im Verhandlungsprozess halten wolle. Auch der Vorschlag eines Gipfels mit Russland, den USA und China sei für die Ukraine schwer zu verkraften, sagte Reisner.
Eine verlässliche Prognose sei wegen Trumps sprunghaftem Vorgehen nicht möglich. Sollte sich die US-Regierung dauerhaft von der Ukraine abwenden, könnte Kiew nach Reisners Einschätzung gezwungen sein, einen von Russland diktierten Waffenstillstand oder Frieden anzunehmen.
Paradoxerweise seien die Chancen für einen Waffenstillstand aber gerade deshalb besonders groß. Der gegenseitige Druck auf Russland und die Ukraine sowie der Druck von außen könnten dazu führen, dass der Konflikt eingefroren werde. Das wäre zwar nicht optimal, würde aber zumindest das Sterben beenden. Ob es dazu komme, sei offen.
Die ukrainischen Vorstellungen sehen laut Reisner unter anderem einen Nichtangriffspakt mit Russland, Sicherheitsgarantien von Verbündeten und den Erhalt einer 800.000 Mann starken Armee vor. Ein Verzicht auf diese Forderungen würde einen Kompromiss erschweren. Sollte die Ukraine jedoch ihre Kräfte verlieren, könnte Russland ihr die Kapitulation aufzwingen.
An der Bodenfront herrsche seit Monaten eine Pattsituation. Keine Seite habe einen Durchbruch erzielt, auch die russische Sommeroffensive habe kein nachhaltiges Ergebnis gebracht. Deshalb eskaliere der Krieg zunehmend auf strategischer Ebene durch Luftangriffe.
Für die weitere Entwicklung sieht Reisner zwei Möglichkeiten: Die Ukraine müsse entweder die nötige Unterstützung erhalten, um den Krieg zu überstehen, oder es müsse alles unternommen werden, um den Abnutzungskrieg möglichst schnell zu beenden.

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