Noch bevor das amtliche Endergebnis einer Wahl feststeht, liefern Umfragen, Prognosen und Hochrechnungen erste Hinweise auf den möglichen Wahlausgang. Die Verfahren unterscheiden sich jedoch deutlich – und können vom späteren Ergebnis abweichen.
Vor dem Wahltag veröffentlichen Umfrageinstitute regelmäßig die sogenannte Sonntagsfrage. Dafür werden im Auftrag von Medien oder Parteien meist rund tausend Wahlberechtigte nach ihren aktuellen Wahlabsichten gefragt. Die Befragten werden per Telefon, an der Haustür oder online ausgewählt. Bei der Auswertung achten die Institute darauf, dass demografische Gruppen entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtwählerschaft berücksichtigt werden.
Die Ergebnisse werden zudem gewichtet. Trotzdem bleiben Unsicherheiten. Manche Befragte äußern möglicherweise nicht ihre tatsächliche Parteipräferenz. Außerdem weist jede Umfrage einen statistischen Fehlerbereich auf. Deshalb veröffentlichen die Institute in der Regel auch Schwankungsbreiten.
Unterschiedliche Befragungszeiträume und Gewichtungen führen dazu, dass die Institute zu verschiedenen Ergebnissen kommen können. Die Sonntagsfrage ist außerdem keine verlässliche Vorhersage des Wahlergebnisses. Nach Angaben von Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing ist sie vielmehr eine „Momentaufnahme im Wahlkampf“. Ein erheblicher Teil der Wahlberechtigten weiß zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht, für wen er stimmen möchte.
Am Wahlabend folgen die sogenannten Exit-Polls. Dabei befragen Mitarbeitende von Umfrageinstituten Wählerinnen und Wähler direkt nach der Stimmabgabe. Die ausgewählten Stimmbezirke werden nach dem Zufallsprinzip bestimmt und sollen das Wahlgebiet möglichst genau abbilden. Aus den Befragungen entsteht mit dem Schließen der Wahllokale um 18 Uhr eine erste Prognose. Zusätzlich fließen Erfahrungswerte ein, etwa zur Berücksichtigung von Briefwahlstimmen.
Die Genauigkeit dieser Prognose kann davon abhängen, wie viele Menschen an der Nachwahlbefragung teilnehmen und wie hoch der Anteil der Briefwahl ist. Für die ARD führt Infratest dimap solche Befragungen durch, für das ZDF die Forschungsgruppe Wahlen. Die Ergebnisse zeigen nicht nur einen möglichen Trend für das Gesamtergebnis, sondern geben auch Hinweise auf die Parteipräferenzen verschiedener demografischer Gruppen.
In die ersten Hochrechnungen, die gegen 18.30 Uhr veröffentlicht werden, fließen bereits tatsächlich ausgezählte Stimmen aus ausgewählten Wahllokalen ein. Zu diesem Zeitpunkt sind jedoch erst wenige Stimmbezirke vollständig ausgezählt. Wahlkreise und Briefwahlstimmen fehlen zunächst vielfach. Deshalb können sich die Werte im weiteren Verlauf noch leicht verändern.
Auch regionale Unterschiede beim Auszählungstempo spielen eine Rolle. In größeren städtischen Stimmbezirken kann die Auszählung länger dauern als in ländlichen Gebieten. Dadurch können sich die Hochrechnungen im Laufe des Abends verschieben. Vollständig nach statistischen Vorgaben ließen sie sich erst erstellen, wenn alle Stimmbezirke der Stichprobe ausgezählt wären. Das ist laut den im Ausgangsbeitrag zitierten Fachleuten häufig erst gegen 20 Uhr der Fall – und auch dann sind Briefwahlstimmen möglicherweise noch nicht abschließend erfasst.
Trotz dieser Unsicherheiten werden Prognosen und Hochrechnungen am Wahlabend veröffentlicht. Medien benötigen frühzeitig Informationen über mögliche Mehrheiten und politische Veränderungen. Auch für Parteien sind die Zahlen wichtig, um den Wahlausgang einzuordnen und mögliche Strategien für den Umgang mit dem Ergebnis zu entwickeln. Die Institute überprüfen und verbessern ihre Modelle nach jeder Wahl weiter.
Der Beitrag basiert auf einer Darstellung der Süddeutschen Zeitung. Eine Fassung des Artikels erschien bereits zu anderen Landtagswahlen; die Rechte am Original liegen bei der SZ.