Der Teppich von Bayeux ist in London angekommen und soll im British Museum ausgestellt werden. Das mittelalterliche Kunstwerk war zuvor beinahe tausend Jahre in Frankreich aufbewahrt worden. In Großbritannien wird die Ausstellung mit großer Spannung erwartet.
Bei dem sogenannten Teppich handelt es sich genau genommen um eine Stickerei auf Leinen. Teppiche werden gewebt, während dieses Werk bestickt wurde. Die etwa 70 Meter lange Bildergeschichte schildert die Ereignisse rund um die normannische Eroberung Englands im Jahr 1066. Sie endet mit der Schlacht von Hastings und dem Sieg Wilhelms des Eroberers über Harold II.
Vermutlich gab der Bischof von Bayeux, ein Halbbruder Wilhelms, die Stickerei zur Eröffnung seiner Kathedrale im Jahr 1070 in Auftrag. Ausgeführt wurde sie wahrscheinlich von Stickerinnen in Südengland. Angelsächsische Stickerinnen waren zu dieser Zeit in ganz Europa für ihre handwerklichen Fähigkeiten bekannt.
Der Bayeux-Teppich gilt als eines der bedeutendsten Bilddenkmäler des Hochmittelalters. Viele Forschende sehen in ihm auch ein kunstvoll gestaltetes Propagandawerk. Die Darstellung legt nahe, dass Harold Godwinson einen heiligen Eid auf Reliquien gebrochen habe, indem er sich selbst zum englischen König krönen ließ. Der Krieg erscheint dadurch als gerechte Strafe. Diese Deutung ist wissenschaftlich umstritten.
Die Stickerei gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Wegen ihrer 58 Bildepisoden wird sie häufig als ältester Comic der Welt bezeichnet. Lateinische Texte begleiten die Szenen, die unter anderem Schlachten, Tote und den Tod eines Königs zeigen. Zugleich liefert das Werk Einblicke in den Schiffsbau, die militärische Ausrüstung und das Alltagsleben des Mittelalters. Auch der Halleysche Komet, der 1066 am Himmel zu sehen war, ist abgebildet.
Großbritannien hatte bereits zur Krönung Elizabeths II. im Jahr 1953 versucht, den Teppich auszuleihen. Weitere Anläufe bei historischen Anlässen folgten, doch Frankreich lehnte die Transporte stets ab. Als Gründe galten die Empfindlichkeit des Artefakts und das Risiko einer Reise. Präsident Emmanuel Macron gab schließlich im vergangenen Jahr grünes Licht für die Ausstellung im British Museum.
Im vergangenen September wurde die Stickerei im Musée de la Tapisserie de Bayeux in einer rund sechsstündigen Prozedur abgehängt und verpackt. Am 9. Juli kam sie per Geheimtransport in London an. Dafür wurde ein Hightech-Container eingesetzt, der Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant hielt und Vibrationen abschirmte. Die britische Regierung versicherte das Kunstwerk mit 800 Millionen Pfund, umgerechnet rund 932 Millionen Euro.
Der Ticketverkauf für die Ausstellung ist in drei Phasen organisiert. Die Eintrittskarten für den Zeitraum von September bis Dezember waren bereits am 1. Juli erhältlich und schnell vergriffen. Nach Angaben des British Museum versuchten bis zu 80.000 Menschen gleichzeitig, einen Termin zu bekommen; einige warteten bis zu neun Stunden. Weitere Tickets für Januar bis März sollen am 21. Oktober in den Verkauf gehen, Karten für April bis Juli im Januar.
Die Ausstellung wird als „once-in-a-generation“-Ereignis beworben. Ein Bildungsprogramm soll Schulen im ganzen Land einbeziehen. Das British Museum hofft, mit dem Bayeux-Teppich einen Besucherrekord aufzustellen. Als bisher erfolgreichste Ausstellung gilt dort „Die Schätze des Tutanchamun“, die 1972 knapp 1,7 Millionen Menschen sehen wollten.
Wer keine Eintrittskarte erhält, kann in Reading eine originalgetreue Kopie besichtigen. Sie entstand 1885, als 35 Stickerinnen rund ein Jahr lang an der Nachbildung arbeiteten. Als Vorlage dienten kolorierte Fotografien. Bei einer Figur wurde eine Änderung des Originals übernommen: Während eine Darstellung auf der Originalbordüre eine nackte Figur zeigt, trägt die Figur auf der Kopie eine Unterhose.