Deutschland hat sich im Laufe der Geschichte vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland entwickelt. Millionen Deutsche verließen einst ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit, Sicherheit und besseren Lebensbedingungen. Heute wird Migration vor allem mit Zuwanderung nach Deutschland verbunden.
Migration ist jedoch kein neues Phänomen. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer bezeichnet sie als „keineswegs ein Phänomen der Moderne, sondern ein Normalfall menschlicher Existenz“. Menschen verlassen ihre Heimat unter anderem wegen Kriegen, politischer Verfolgung, Diskriminierung, Armut, Naturkatastrophen oder fehlender Zukunftsperspektiven.
Auch deutsche Auswanderer machten sich über Jahrhunderte auf den Weg. Bis 1820 gingen etwa 150.000 Deutsche nach Amerika. Viele wurden durch Berichte von Landsleuten angelockt, die ihren Wohlstand in der Neuen Welt hervorhoben. Werber erhielten für jeden vermittelten Auswanderer ein Kopfgeld.
Die Reise nach Amerika war für viele Menschen beschwerlich und teuer. Eine Überfahrt mit einem Segelschiff kostete laut Simone Blaschka vom Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven ungefähr das Jahresgehalt eines Handwerkers. Um die Kosten aufzubringen, mussten Familien häufig ihren gesamten Besitz verkaufen.
Unter Deck lebten die Passagiere auf engem Raum. Krankheiten wie Ruhr, Typhus, Pocken und Skorbut breiteten sich aus. Der Proviant bestand meist aus Schiffszwieback, salzigem Fleisch und Brei. Viele Menschen überlebten die monatelange Reise nicht.
Neben Amerika war auch Russland ein Ziel deutscher Auswanderer. Die russische Zarin Katharina die Große warb 1763 mit kostenlosem Land, steuerfreien Jahren, Befreiung vom Militärdienst und weiteren Vergünstigungen um Menschen, die dünn besiedelte Gebiete urbar machen sollten. Den Neuankömmlingen wurde zudem erlaubt, ihre deutsche Sprache beizubehalten und sich weitgehend selbst zu verwalten.
Im 19. Jahrhundert nahm die Auswanderung nach Amerika deutlich zu. Bevölkerungswachstum, Missernten, Hungersnöte und fehlende berufliche Perspektiven bewegten viele Menschen zur Abreise. Insgesamt gingen rund sechs Millionen Deutsche in die Neue Welt.
Deutschland war damit Teil einer größeren europäischen Entwicklung. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg verließen nach Einschätzung Oltmers etwa 60 Millionen Europäer den Kontinent. In der Mitte des 20. Jahrhunderts änderte sich die Richtung: Aus Europa als Auswanderungskontinent wurde ein Einwanderungskontinent.
In der Bundesrepublik kamen ab den 1950er-Jahren zahlreiche Arbeitskräfte aus Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei nach Westdeutschland. Bis zum Anwerbestopp 1973 reisten insgesamt rund 14 Millionen sogenannte Gastarbeiter ein. Etwa drei Millionen von ihnen blieben dauerhaft.
Deutschland verstand sich dennoch lange nicht als Einwanderungsland. Nach Ansicht Oltmers gingen Politik und Gesellschaft zunächst davon aus, dass die angeworbenen Arbeitskräfte wieder ausreisen würden. Deshalb sei ihre dauerhafte Zugehörigkeit nur begrenzt anerkannt worden.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hatten 2025 mehr als 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Zugleich wird weiterhin darüber diskutiert, wer als zugehörig gilt und unter welchen Bedingungen Menschen einwandern oder bleiben dürfen.
Ausländische Fachkräfte werden angesichts des Arbeitskräftemangels gezielt umworben. Für Geflüchtete gelten andere Voraussetzungen: Schutz erhalten sie, wenn sie in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Oltmer kritisiert, dass die öffentliche Debatte über Migration häufig auf Flucht und Asyl verengt werde. Asyl mache nur einen Teil der Migration nach Deutschland aus.
Wie Migration bewertet wird, hängt laut Oltmer auch von den wirtschaftlichen Aussichten einer Gesellschaft ab. Sind die Zukunftserwartungen positiv, werde Zuwanderung eher als Bereicherung gesehen. Bei einer pessimistischen Sicht auf die eigene Zukunft überwiege dagegen die Ablehnung.
Die Nachkommen deutscher Auswanderer in den USA haben sich nach Darstellung des Beitrags längst in die amerikanische Gesellschaft integriert. In Deutschland verlaufe Integration dagegen vielfach langsamer. Die Frage, wie die Gesellschaft künftig mit Migration und Zugehörigkeit umgehen will, bleibt damit ein zentrales Thema der politischen Debatte.