Anne Teresa De Keersmaeker und der Breakdancer Solal Mariotte haben bei der Ruhrtriennale Jacques Brels Lieder in eine getanzte Hommage übersetzt. Ihre Choreografie „Brel“ wurde als Deutschlandpremiere im Duisburger Landschaftspark gezeigt.
Das rund eineinhalbstündige Stück greift 25 Minidramen des belgischen Chansonniers auf. Liebe, Begehren, Einsamkeit und Tod werden dabei nicht nacherzählt, sondern in Bewegungen, Gesten und Bildern verdichtet. Brels Stimme und Lieder bilden den musikalischen Kern des Abends.
Eine zentrale Szene entsteht zu „Ne me quitte pas“. De Keersmaeker tritt zunächst im Herrenanzug auf, bevor sie sich auszieht und dem Publikum den Rücken zuwendet. Mariotte liegt währenddessen wie ein Embryo auf dem Boden. Die eindringliche Bitte des Liedes, den Partner nicht zu verlassen, trifft auf ihre körperliche Abwehr.
In dieser Konstellation überlagern sich Jugend, Alter und Tod. Der 2001 geborene Mariotte steht für die Jugend, die 66-jährige De Keersmaeker für das Alter. Jacques Brel, der 1979 vor seinem fünfzigsten Geburtstag starb, ist als abwesende dritte Figur präsent. Beide Tänzer verbindet ihre besondere Beziehung zu dem belgischen Sänger.
Die Choreografie schöpft aus unterschiedlichen Facetten von Brels Werk: aus antibürgerlichen Attacken, Sehnsuchtsballaden und Liedern über Amsterdam sowie seine spätere Wahlheimat in Polynesien. Daraus entsteht ein schwarz-weiß geprägtes Tanzstück, das mit Andeutungen, Anspielungen und Assoziationen arbeitet.
De Keersmaeker, eine prägende Vertreterin des europäischen Minimal Dance, löst sich dabei von dem strengen Strukturalismus, der ihre Ästhetik über Jahrzehnte bestimmt hat. Sie spielt mit Grimassen und Zitaten aus früheren Arbeiten. Mariottes Breakdance-Passagen setzen dazu einen lässigen Kontrast.
Die beiden Tänzer wechseln zwischen zarten, zerbrechlichen und burschikosen Bewegungen. Eine feste Paar-Rolle nehmen sie nicht ein. Stattdessen bleibt zwischen ihnen immer wieder eine Distanz bestehen, die sich gegen Ende des Abends zuspitzt.
Wenn „La Chanson des vieux amants“ erklingt, erscheinen Flammen auf der Leinwand am hinteren Ende des Bühnenraums. De Keersmaeker und Mariotte stehen dennoch voneinander getrennt auf der Bühne und umschlingen jeweils sich selbst. Das Bild beschreibt keine erneute Vereinigung, sondern einen bleibenden Abgrund.
„Brel“ ist damit keine nostalgische Rückschau, sondern eine tänzerische Auseinandersetzung mit den Liedern und Themen des Chansonniers. Die Aufführung verbindet Brels unverwechselbare Stimme mit einem Pas de trois, in dem der unsichtbare Sänger als dritte Figur gegenwärtig bleibt.