Heute: September 8, 2026

Kolumne zur gesellschaftlichen Spaltung: Warum Begegnungsorte wichtiger sind als der nächste Streit

Die gesellschaftlichen Fronten verhärten sich – in sozialen Netzwerken ebenso wie bei Demonstrationen. In ihrer Kolumne beschreibt Alexandra Würzbach die zunehmende Spaltung und fragt, wie Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen können.

Links und rechts, Stadt und Land, Jung und Alt sowie Anhänger und Gegner der AfD stehen sich nach ihrer Einschätzung immer unversöhnlicher gegenüber. Auch die Unterschiede zwischen Ost und West würden weiterhin eine Rolle spielen. Würzbach warnt davor, dass die ständige Rede von Spaltung die Trennung noch verstärken könne.

Als Bild dient ihr die Kernspaltung: Eine Spaltung könne Energie freisetzen – politisch etwa in Form von Wut, Mobilisierung, Aufmerksamkeit und Macht. Daraus könne eine Kettenreaktion entstehen. Eine Provokation löse Empörung aus, darauf folge die nächste Provokation. Am Ende beschäftigten sich beide Seiten vor allem damit, wie unvernünftig die jeweils andere sei.

Während sich Holz leicht mit einem Axthieb teilen lässt, sei das Zusammenfügen schwieriger. Auch eine Gesellschaft brauche Zeit, um Brüche zu überwinden. Den häufig beschworenen „Kitt der Gesellschaft“ sieht Würzbach derzeit jedoch in Gefahr. Sportvereinen fehlten Nachwuchs und Ehrenamtliche, bei der Freiwilligen Feuerwehr würden Freiwillige gesucht. Kirchen verlören Gläubige, Wehr- und Zivildienst seien abgeschafft. Auch Gewerkschaften und Volksparteien hätten an Anziehungskraft eingebüßt.

Die Autorin hält es deshalb für wichtiger, über solche Entwicklungen und mögliche Lösungen zu sprechen, als sich in der nächsten Talkshow ausschließlich mit der AfD zu beschäftigen. Besonders Vereine und andere gemeinschaftliche Einrichtungen könnten Menschen zusammenbringen, die politisch unterschiedlich denken.

Im Chor spiele es keine Rolle, welche Partei jemand wähle. Bei der Freiwilligen Feuerwehr arbeiteten Menschen mit verschiedenen Berufen gemeinsam, und beim Fußball der D-Jugend gehe es unter anderem darum, wer die Trikots der Kinder wäscht. Solche Orte zwängen Menschen dazu, andere auszuhalten, die nicht dieselben Ansichten teilen.

Im Internet sei es dagegen leicht, Andersdenkende auszublenden. Nutzer könnten ihnen entfolgen oder sie blockieren. Algorithmen zeigten häufig vor allem Inhalte und Personen, die die eigene Sicht bestätigten. So entstehe eine Blase, aber kein gemeinsames „Wir“, schreibt Würzbach.

Eine Gesellschaft ohne Konflikte könne es nicht geben. Demokratie bedeute nicht, dass alle Menschen einer Meinung seien, sondern dass sie trotz unterschiedlicher Überzeugungen friedlich zusammenleben könnten. Dafür brauche es Bürger, die einander widersprechen und dennoch gemeinsam Aufgaben übernehmen.

Die politische Spaltung werde sich nach Ansicht der Autorin nicht dadurch überwinden lassen, dass eine Seite die andere vollständig überzeugt. Entscheidend seien vielmehr Zeit, Ruhe und vor allem regelmäßiger Kontakt zwischen den unterschiedlichen Gruppen.

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