Eine Studie der Tongji-Universität in Shanghai untersucht die aktuellen Beziehungen zwischen Deutschland und China. Die Autoren sehen wachsende Unsicherheiten und strukturelle Unterschiede. Der Jahresbericht trägt den Titel „Strategische Neuausrichtung“ und soll klären, welche Entwicklungen Deutschland prägen und wie China darauf reagieren kann.
Wu Huiping, Professorin und Vizedirektorin des Deutschlandforschungszentrums der Universität, beschreibt die bilateralen Beziehungen vor dem Hintergrund internationaler Umbrüche als zunehmend unsicher. Die chinesischen Deutschlandexperten kritisieren zudem, dass Deutschland keine eigenständige Außenpolitik verfolge.
Yang Xiepu von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften führt die politische Fragmentierung und Polarisierung in Deutschland als Hindernis für die Regierungsarbeit der Koalition aus CDU und SPD an. Der Einfluss der politischen Mitte habe abgenommen, während rechtspopulistische und linksextreme Kräfte an Bedeutung gewännen. Als weitere Probleme nennt sie eine anhaltende wirtschaftliche Schwäche, den Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit und ein geringes Vertrauen der Verbraucher.
Aus Sicht der Studie wäre eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China sinnvoll. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt könne für Deutschland ein wichtiger Partner sein. Der Bundesregierung gelinge es nach Einschätzung Yangs jedoch nicht, ihre China-Politik auf wirtschaftliche Fragen zu konzentrieren. Stattdessen suche sie nach einem Ausgleich zwischen Sicherheit, Werten und wirtschaftlichen Interessen.
Die deutsche China-Strategie von 2023 ordnet China als „Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale“ ein. Sie ist in die gemeinsame Chinapolitik der Europäischen Union eingebettet. China selbst sieht sich in diesem Verhältnis vor allem als Partner und kritisiert die aus seiner Sicht fehlende politische Autonomie Deutschlands.
Eine wichtige Rolle spielt laut der Studie der Einfluss der USA. Das transatlantische Bündnis bleibe eine Grundlage der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Zugleich übten die USA aus chinesischer Sicht Druck auf ihre Verbündeten aus, Beschränkungen gegenüber China bei Technologie, Lieferketten und Sicherheit zu verschärfen.
Erstmals widmet der Jahresbericht dem Thema Sicherheit ein eigenes Kapitel. In Deutschland gibt es Kritik an Chinas Verhältnis zu Russland im Krieg gegen die Ukraine. Peking weist zurück, tödliche Waffen an eine der Konfliktparteien geliefert zu haben, und verweist auf Kontrollen bei sogenannten Dual-Use-Gütern.
Auch Deutschlands stärkeres Engagement im Indopazifik wird in China kritisch bewertet. Die Fregatte „Bayern“ passierte 2021 das Südchinesische Meer. 2024 durchquerte die „Baden-Württemberg“ die umstrittene Taiwanstraße. Nach Einschätzung des Tongji-Deutschlandexperten Zheng Chunrong steht dieser Kurs auch im Zusammenhang mit der US-Strategie für den Indopazifik. Er empfiehlt, die Beziehungen zwischen Deutschland und China nicht vorrangig im Rahmen des Kräftemessens zwischen China und den USA zu entwickeln.