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Ali Mitgutsch: Wie aus schwieriger Kindheit die Welt der Wimmelbücher entstand

Ali Mitgutsch prägte mit seinen großformatigen Wimmelbüchern die Kindheit mehrerer Generationen. Eine Ausstellung in der Internationalen Jugendbibliothek in München zeichnet nun seinen künstlerischen Weg nach – von einer belastenden Kindheit bis zum weltweit bekannten Bilderbuchkünstler.

Mitgutschs Bücher zeigen Stadt, Land, Gebirge und Wasser in zahlreichen detaillierten Szenen. Die meist textlosen Doppelseiten laden dazu ein, immer neue Geschichten zu entdecken. Seit rund 50 Jahren gehören die Wimmelbücher zu den Klassikern der Kinderliteratur. Weltweit wurden sie acht Millionen Mal verkauft.

Die Werkschau „Augen auf! Ali Mitgutsch und das große Gewimmel“ wurde von Christiane Raabe kuratiert. Dafür konnte sie auf den Nachlass des Künstlers zurückgreifen. Seine drei Kinder mussten nach seinem Tod im Jahr 2022 zunächst mehrere Prozesse gewinnen, um die an verschiedenen Orten verstreuten Materialien in einem Archiv zusammenzuführen.

Mitgutsch selbst wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Seine Kindheit während des Krieges und in der Nachkriegszeit war von Hunger, Vertreibung und Demütigungen geprägt. Nachdem die Familie in München ausgebombt worden war, kam der damals neunjährige Ali mit seiner Mutter und seinen beiden älteren Schwestern in ein Dorf im Allgäu. Dort wurde er wegen seiner Legasthenie und seiner verträumten Art von einem Lehrer drangsaliert sowie von anderen Kindern gehänselt und geschlagen.

Die Erfahrungen könnten sich in seinen frühen Bilderbüchern wiederfinden, sagt Ausstellungskuratorin Raabe. In „Nico findet einen Schatz“ und „Kraxenflori“ stehen Außenseiter im Mittelpunkt, die Abenteuer erleben und anschließend von der Gemeinschaft aufgenommen werden. Auch die religiösen Motive in „Kraxenflori“ lassen sich mit Mitgutschs Kindheitserinnerungen an Wallfahrten mit seiner Mutter verbinden.

Als Beginn der Wimmelbuch-Reihe gilt meist das Jahr 1968. Damals erschien „Rundherum in meiner Stadt“. Mitgutsch erzählte später, der Kinderpsychologe Kurt Seelmann habe ihn Anfang der 1960er-Jahre zu großformatigen Bildern mit vielen Handlungsmöglichkeiten angeregt. Kinder sollten anhand der Darstellungen eigene Geschichten entwickeln und Fragen zu den Szenen stellen.

Seine Vorliebe für kleine, eigenständige Bildgeschichten zeigte sich allerdings schon früher. Bereits im Leporello „Strom und Straße“ von 1961 stellte Mitgutsch zahlreiche Alltagssituationen dar. In seinen späteren Wimmelbüchern entwickelte er dieses Prinzip weiter: Auf jeder Doppelseite laufen viele Vorgänge gleichzeitig ab. Kinder, Familien, Tiere und Passanten spielen, fahren Rad, picknicken oder geraten in kleine Missgeschicke.

Die dargestellte Welt ist dabei nicht frei von Konflikten. Neben spielenden Kindern und alltäglichen Begegnungen finden sich etwa Baustellen und Hinweise auf Veränderungen in der Stadt. Raabe verweist auch auf Mitgutschs Engagement gegen Immobilienwucher in Schwabing und der Maxvorstadt. Auf einem Foto ist der Künstler bei einer Protestkundgebung mit einem Megafon zu sehen.

Nach seiner Rückkehr nach München beendete Mitgutsch zunächst die Schule und begann eine Lithografenlehre, die er jedoch abbrach. Anschließend studierte er an der Graphischen Akademie in München. Reisen nach Italien, Frankreich, Spanien und Marokko gehörten über Jahrzehnte zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau Karin hatte er eine Tochter und zwei Söhne.

Neben den Wimmelbüchern schuf Mitgutsch in seinen späteren Jahren sogenannte „Traumkästen“. In den kleinen Dioramen arrangierte er Fundstücke von seinen Reisen zu Geschichten für Erwachsene. Auch diese Arbeiten sind Teil der Ausstellung, die vom 16. September bis zum 21. März 2027 in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu sehen ist.

Quelle: Süddeutsche Zeitung.

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